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Allgemeine Soziologie
Profil

Kernaufgabe der Allgemeinen Soziologie ist die vergleichende Analyse der Grundbegriffe und theoretischen Ansätze der soziologischen Disziplin, sowie die Reflexion der Beziehung zwischen Theoriebildung und empirischen Forschungsmethoden unter Berücksichtigung der Geschichte der Soziologie und ihrer Einbettung in die Sozial- und Geisteswissenschaften. In der grundständigen Lehre des Fachgebiets an der Universität Osnabrück steht vor allem die Darstellung und ver­glei­chende Analyse von Grundbegriffen und Theorien (1) im Vordergrund. In der Forschung wird dieser Schwerpunkt ergänzt durch Arbeiten zur Beziehung zwischen Theorien und Methoden (2), zur Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie mit systemtheoretischem Schwerpunkt (3) sowie (4) zur Analyse des politischen Systems.

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 Kooperationen

  • Mitgliedschaft im Vorstand der Sektion "Soziologische Theorie" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
  • Mitherausgabe der "Zeitschrift für Soziologie"

 

Forschungsprojekte

Projekt: Parasitäre Sozialsysteme

Die Ausdifferenzierung sozialer Funktionssysteme, so die Annahme der Luhmannschen Systemtheorie, gründet auf dem Prinzip der binären Codierung systemischer Informationsverarbeitung. Dieses Prinzip lässt sich analytisch direkt auf den Informationsbegriff zurückführen. Bateson (Ökologie des Geistes, Frankfurt am Main 1983, S.582) definiert "Information" als "Unterschied, der einen Unterschied ausmacht". Ohne Zuordnung einer Mitteilung zu einer Seite einer Unterscheidung kann demnach keine Information erzeugt werden. Wenn eine Mitteilung durch Anschlusskommunikationen beiden Seiten eines systemspezifischen Codes zugeordnet wird, dann dokumentiert dies, dass ihr Inhalt die Möglichkeiten zur Fortsetzung der Kommunikation im System nicht einschränken kann, dass sie also keinen Unterschied ausmacht und insofern nicht informiert, sondern - durch die Aktivierung der einander ausschließenden Zuordnungsmöglichkeiten - den Code des Systems in eine Paradoxie treibt und dadurch Rauschen bzw. Lärm im System erzeugt.

Lärm kommt in jedem System vor. Er kann durch Flexibilisierung des Codes (insbesondere durch Gradualisierung und Reversibilität der Zuordnung von Code-Werten) bzw. durch Verfahren der Absorption und Kanalisierung soweit gedämpft und eingehegt werden, dass er die Kommunikation im System nicht sonderlich stört. Er kann sich freilich auch als Dauerirritation etablieren, die immer wieder in den Vordergrund drängt und die codierte Informationsverarbeitung mit penetrantem Rauschen durchsetzt, das durch die systemtypischen Verfahren nicht unter Kontrolle gebracht werden kann. Stark gestörte Bereiche innerhalb eines Systems können dann zu ökologischen Nischen für die Bildung parasitärer Sozialsysteme werden, die in der Lage sind, diesen Lärm für sich selbst zu nutzen. Parasitäre Sozialsysteme stellen die verlorene Eindeutigkeit der Bezeichnungsverhältnisse innerhalb eines Systems durch Einziehung einer neuen Innen/Außen-Differenz wieder her. Sie entwickeln eigene Unterscheidungen und Operationen, die darauf spezialisiert sind, aus Lärm Information zu gewinnen und den paradoxen Gebrauch des Codes im Wirtssystem intern zu entparadoxieren. Die Bildung parasitärer Systeme im hier gemeinten Sinne ist also ein evolutionärer Mechanismus der order-from-noise Produktion. Er führt zur Ausbildung von sekundären Systemen innerhalb eines Systems, deren Reproduktion den Lärm im Wirtssystem zugleich nutzt und verstärkt.

Ausgehend von den skizzierten Prämissen versucht das geplante Projekt bisher in der Systemtheorie eher unterbelichtete soziale Zusammenhänge als parasitäre Systeme zu rekonstruieren. Zwei explorative Studien, die ich dazu bereits durchgeführt habe, befassen sich primär mit Terrorismus bzw. terroristischen Bewegungen als parasitären Sozialsystemen (unter Einbeziehung von Protest und Krieg als strukturell verwandten Parasiten). Im Fokus dieser Studien stehen der islamistische Terrorismus vom Typus Al Qaida (vgl. Schneider 2007) sowie die Initialphase des Nordirlandkonflikts von der Entstehung der Civil Rights-Bewegung bis zur Gründung der Provisional IRA im Jahre 1969 (vgl. Schneider 2008). Eine weitere Studie (zusammen mit Isabel Kusche verfasst) untersucht „Parasitäre Netzwerke in Wissenschaft und Politik“ (vgl. Schneider/Kusche 2010). Diese Untersuchungen sollen vertieft und durch weitere exemplarische Analysen potentieller Parasiten ergänzt werden.

Ziel des Projektes ist es, im Kontext der modernen Gesellschaft „abweichend“ anmutende Phänomene wie religiöser Fundamentalismus, Terrorismus, mafiose Strukturen, klientelistische und andere Netzwerke, Warlord-Formation etc. mit Hilfe eines differenzierungstheoretischen Instrumentariums zu analysieren und in die Theorie der modernen Gesellschaft zu integrieren.

Drittmittelfinanzierung: Bisher keine.

Bisherige Publikationen im Rahmen dieses Projekts:

  • Schneider, Wolfgang Ludwig/Kusche, Isabel (2010): „Parasitäre Netzwerke in Wissenschaft und Politik“, in: M. Bommes, V. Tacke (Hrsg.), Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft, VS Verlag: Wiesbaden, S.173-210.
  • Schneider, Wolfgang Ludwig (2008): „Terrorismus und andere Parasiten. Ein systemtheoretischer Deutungsversuch der Initialphase des nordirischen Konflikts“, in: Th. Bonacker, R. Greshoff, U. Schimank (Hrsg.), Sozialtheorien im Vergleich: Der Nordirlandkonflikt als Anwendungsfall, VS Verlag: Wiesbaden, S.181-203.
  • Schneider, Wolfgang Ludwig (2007): „Religio-politischer Terrorismus als Parasit“, in: Th. Kron, M. Reddig (Hrsg.), Analysen des transnationalen Terrorismus. Soziologische Perspektiven, VS Verlag: Wiesbaden, S.125-165.

 

Klientelistische Strukturen in der Politik (Habilitationsprojekt)

Unter politischem Klientelismus versteht man das Gewähren von Vorteilen im Tausch gegen politische Unterstützung, insbesondere in Form von Wählerstimmen. Die zugrunde liegende Beziehung lässt sich als Dyade von Patron und Klient begreifen, wobei in diesen Rollen nicht nur einzelne Personen, sondern auch Organisationen auftreten können und die einzelne Dyade in ein ausgedehntes Netzwerk klientelistischer Beziehungen eingebunden sein kann.

Die Forschung hat dieses Phänomen als spezifischen Typus sozialer Beziehung beschrieben oder die mit ihm verbundenen politischen Praktiken, z.B. bei der Vergabe von Posten, nachgezeichnet. Während dabei zunächst Entwicklungsländer im Mittelpunkt der Betrachtung standen und Klientelismus als Relikt traditionaler patrimonialer Strukturen begriffen wurde, gilt er inzwischen als variabel ausgeprägtes Merkmal auch etablierter Demokratien. Für die Theorie der funktionalen Differenzierung stellt sich damit die Frage, ob politischer Klientelismus Indiz für eine unvollständige Ausdifferenzierung des politischen Systems ist oder einen spezifischen Pfad dieser Ausdifferenzierung charakterisiert.

Um diese Frage beantworten zu können, löst sich das Projekt vom Fokus auf die einzelne Patron-Klienten-Beziehung und untersucht, auf welche Weise das ihr zugrunde liegende Machtverhältnis auch über persönliche Beziehungen hinaus Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten vorstrukturiert. Geprüft werden soll, wie klientelistische Strukturen die Selektivität politischer Handlungs- und Entscheidungswahl prägen und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich im Vergleich zur üblichen systemtheoretischen Beschreibung ausdifferenzierter Politik zeigen. Dies betrifft insbesondere die Funktionsweise von Macht als symbolisch generalisiertem Kommunikationsmedium und die komplementären Erwartungen an politische Leistungsrollen und Publikumsrolle. Ziel des Projektes ist es, auf diesem Wege einerseits das theoretische Konzept der Ausdifferenzierung am Beispiel der Politik zu präzisieren und andererseits die systemtheoretische Beschreibung dieses gesellschaftlichen Teilbereichs so zu erweitern, dass sie die empirische Vielfalt in der Ausgestaltung nationalstaatlich basierter politischer Systeme erfassen und systematisieren kann.



MitarbeiterInnen
Professur:
Prof. Dr. Wolfgang Ludwig Schneider

Wissenschaftliche Mitarbeiterin:
Dr. Isabel Kusche

Wissenschaftlicher Mitarbeiter:
Dr. Fran Osrecki

Sekretariat:
Gabriele Meyer

 

10.05.2011